Interesse an Spiritualität nimmt zu:
Frankfurter Rundschau 18.05.2005, Interview von Anita Strecker
Frankfurts Stadtjugendpfarrer Jürgen Mattis über die Suche junger Menschen nach Orientierung:
FR: Tausende junge Menschen jubeln dem Papst zu, aber in den Kirchen sitzen kaum Jugendliche. Wie stet es um deren Religiosität?
Jürgen Mattis: Die Geschehnisse um den Tod des alten Papstes und die Wahl des neuen waren ein Mega-Event. Unsere Gottesdienste werden nicht als Event wahrgenommen. Aber wir spüren wieder ein zunehmendes Interesse von Jugendlichen an Spiritualität und an einer religiösen Gründung des Lebens. Gerade jetzt, da die Welt fr sie immer unklarer wird: Wie der persönliche Weg verlaufen wird, welcher Beruf gewählt werden soll, ob Frieden und Umwelt erhalten bleiben. Viele Jugendliche haben kein Vertrauen mehr, dass Politiker oder Institutionen in der Lage sind, die Welt vernünftig zu gestalten. In dieser Situation sucht man nach Verlässlichkeit, nach Orientierung und tiefer gehendem Halt.
FR: Wie äußert sich das?
Jürgen Mattis: Das zeigt sich darin, dass religiöse Angebote in Kinder- und Jugendgruppen, aber auch in Schulklassen wieder interessiert wahrgenommen werden. Zum Beispiel, wenn man eine Andacht anbiete oder eine Meditation. In den 70er und 80er Jahren hatten sich viele Jugendliche bewusst von der Religion abgewendet. Heute gibt es viele, die nicht religiös erzogen wurden, nur wenig Wissen über Religion mitbekommen haben und schlicht interessiert sind. Wir haben immer häufiger nicht getaufte Jugendliche, die sich von sich aus, teils gegen den Willen der Eltern, zum Konfirmandenunterricht anmelden – weil es sie interessiert.
FR: Kirchenleute sprechen immer öfter von Patchwork-Religion von Jugendlichen. Das heißt, dass sie sich aus Elementen vieler Religionen ihre eigene zusammenpuzzeln. Wie geht die Kirche damit um?
Jürgen Mattis: Wir leben ja in einer pluralen und multireligiös4en Gesellschaft. Kinder sitzen in Schulklassen, in denen vielleicht 20 Prozent evangelisch, 20 Prozent katholisch, 30 Prozent muslimisch, die übrigen konfessionslos oder andersgläubig sind. Diese religiöse Mischung treffen Sie auch in unserern Jugendgruppen. Da herrscht ein ständiger Dialog, aber auch Toleranz zur Selbstbestimmung. Außerdem nimmt man sich in einer individualisierten Gesellschaft eben das Recht heraus, auch in religiösen Dingen selbst zu urteilen. Als evangelische Kirche akzeptieren wir das Priestertum aller Gläubigen und vertrauen auf ihre Verntwortung vor Gott.
FR: Bleibt dabei nicht die reine Lehre der Kirche auf der Strecke?
Jürgen Mattis: Im Protestantismus gibt es nicht die reine Lehre, die von einem Papst oder einer Autorität unfehlbar festgestellt wird. Luther hat ja eigens den Glauben des individuums vor der Institution Kirche herausgestellt. Ich kann als Mensch auch ohne kirchliches Sakrament eine Beziehung zu Gott haben.
FR: Es braucht also keine Kirche?
Jürgen Mattis. Für den Glauben schon. Gläubige wollen Gemeinschaft mit anderen Gläubigen und suchen die Zugehörigkeit. Andere sollen davon erfahren. Das macht die Kirche und sie macht es auf immer neue Weise und in neuen Situationen. Religion ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark zu einer Privatsache geworden. Ganz umgekehrt wie bei der Sexualität, die öffentlich wurde. Im Religiösen gab es einen Intimisierungsprozess. Jugendliche reden nur wenig über ihre Glaubenspraxis und das ist auch eine Schwierigkeit der Kirche: Wie soll man öffentlich Dinge praktizieren und formulieren, die so intim geworden sind, zum Beispiel das Gebet?
FR: Beten Jugendliche denn überhaupt?
Jürgen Mattis: Aus meiner Erfahrung betet die Mehrheit der Jugendlichen regelmäßig. Sie genießen vor allem die Stille und sind fasziniert von alten Gebeten wie dem „Vater unser“.





