Frankfurter Rundschau vom 3.12.2007
Hightech beim Gotteslob
VON MARTIN MÜLLER-BIALON So könnten in Zukunft Gottesdienste aussehen: Die Gemeinde schaut beim Singen nicht mehr ins Gesangbuch, sondern liest vom Computer-Beamer ab, der den Text der Lieder an die Wand projiziert. Auch der Pfarrer ist - wie man es von Aktionärsversammlungen großer Konzerne kennt - mittels Videotechnik auf Großbild zu sehen. In der neuen Jugendkulturkirche wird das erlebbar. Er sei "unglaublich stolz auf diese Kirche", sagte Kirchenpräsident Peter Steinacker bei der Einweihung des umfunktionierten Gebäudes zwischen Stephan- und Bleichstraße. Eine Kirche dieser Art sei einzigartig in Deutschland, befand Steinacker. Es werden sicher auch einige "grässlich finden", was dort geboten werde, sagte der Kirchenpräsident. Er hoffe aber, dass sie "mit all ihren Experimenten als werbender Ruf Gottes vernehmbar ist". Default Banner Werbung Wie dem Kirchenpräsidenten von Hessen-Nassau die Hiphop-Aufführung der Gruppe Nita gefallen hat, ist nicht bekannt. Die jungen Leute zeigten beim Festakt, was in der neuen Kirche St. Peter alles möglich ist. Sie demonstrierten körperbetontes Tanzen. Dass Gottesdienst auch Party sein kann, bewies der Gospel-Star Freddy Lee Strong, der mit jungen Leuten den Song "Oh happy Day" aufführte - es war das Ergebnis eines Workshops. Gefeiert wurde in St. Peter bereits am Vortag, als die Band Lexington Bridge erstmals für ein volles Haus sorgte. Beim Festakt war das Gotteshaus richtig voll. Fast 600 Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft kamen, die Bestuhlung des Saals reichte mit 350 Plätzen nicht aus. Das große Interesse der Öffentlichkeit an dem neuen Projekt der evangelischen Kirche zeige, "dass Sie auf dem richtigen Weg sind", sagte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) in ihrem Grußwort. Roth hat wie Kirchenpräsident Steinacker die Schirmherrschaft für die Jugendkulturkirche übernommen. Welche technischen Möglichkeiten das Haus bietet, demonstrierte Architekt Klaus Stanjek (Darmstadt). "Wir können jegliche Stimmung erzeugen." Dafür sorgt eine gläserne Lichtwand, die den Kirchenraum vom Verwaltungs- und Seminartrakt abgrenzt. Die Wand kann mit mehreren Projektoren angestrahlt werden und allerlei Lichteffekte hervorrufen. Im Seitenflügel der Kirche ist auch ein öffentliches Café mit 60 Plätzen untergebracht. Esther Gebhardt, Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes, erinnerte an den "Durchhaltewillen", der nötig gewesen sei, um das Projekt realisieren zu können. Projektplanung und Umbau der Kirche hatten sich über ein Jahrzehnt hingezogen, es gab etliche Verzögerungen und Widrigkeiten. Unter anderem mussten die Arbeiten unterbrochen werden, weil eine Wand der Kirche sich als statisch zu schwach erwies. Nun aber habe man einen "phantastisch umgebauten Kirchenkörper". Gebhardt betonte, Ziel der Jugendkirche sei nicht, "künftige Kirchensteuerzahler zu rekrutieren". Vielmehr gehe es darum, dafür zu sorgen, dass sich junge Menschen mit allen ihren Sorgen "entdeckt und angenommen fühlen". Trotz aller Modernität vergisst die Jugendkirche das Wesentliche nicht: An der Seite der Bühne hing gestern ein Adventskranz, an dem eine Kerze brannte. Und "Macht hoch die Tür" wurde auch gesungen - wenn auch ohne Gesangbuch.





